Energiewende zwischen Krise und Aufbruch: Der Norden geht voran

Nachbericht zum Konsortialtreffen des Norddeutschen Reallabors 2026 in Kiel
Energiepolitische Podiumsdiskussion beim NRL-Konsortialtreffen 2026 in Kiel. Im Bild zu sehen (vlnr) : Matthias Boxberger (NRL-Projektsteuerungsgruppe), Prof. Dr. Claus Hartmann (Hochschule Flensburg), Ines Jesse (Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium MV)), Tobias Goldschmidt (Energiewende-Minister SH). Foto: Frank Molter

Autor: Leon Schröter, CC4E/HAW Hamburg, wissenschaftliche Hilfskraft TV 3.1 „Industrielle Transformation und gesellschaftliche Teilhabe“

Das diesjährige Konsortialtreffen des Norddeutschen Reallabors (NRL) in der Merkur Ostseehalle in Kiel eröffnete einen Rundumblick auf die Energiewende in Norddeutschland. Das Konsortium blickte auf die vergangene fünf Jahre seit dem Start des NRL, tauschte sich über aktuelle Vorhaben aus und präsentierte ein neue Transformationsplattform, die die norddeutsche Energiewendekooperation auch in die Zukunft weiterträgt.

Gestartet ist die Veranstaltung mit einer Keynote von Tobias Goldschmidt, Minister für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur des Landes Schleswig-Holstein, mit dem Titel „Energiewende im Endspurt“. Er stellte klar: „Wir sind mitten in einer fossilen Inflation und die Auswirkungen sind deutlich zu spüren. Mit der Energiewende liegt der Schlüssel zur energetischen Unabhängigkeit auf dem Tisch, doch statt die Weichen auf Erfolg zu stellen, bremst die Bundesregierung die Zukunft aus – auf dem Rücken der Verbraucherinnen und Verbraucher. Dabei sehen wir in Schleswig-Holstein längst, wie die Transformation gelingen kann. Das Norddeutsche Reallabor ist dabei wichtiges Bindeglied zwischen den Akteuren. Der Norden bleibt Vorreiter in Sachen Freiheits-Energien.“ Die Bundesregierung sei jetzt am Zug, die Transformation nicht zu blockieren, sondern entschlossen voranzutreiben.

Der Staatsrat für Energie in der Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft der Freien und Hansestadt Hamburg, Dr. Alexander von Vogel, sprach in seinem Impuls von dem Wandel, den die Industrie Hamburgs gerade durchlebe. Und welche Chancen in einer grünen Wertschöpfungskette liegen. Sein Fazit: „Strenge Regulatorik und hohe Kosten können den grünen Hochlauf entscheidend ausbremsen. Unser Hamburger Gegenentwurf lautet: ins Handeln kommen und verlässliche Strukturen schaffen. Mit dem Ausbau des Wasserstoffnetzes HH-WIN geben wir der Wirtschaft Sicherheit, während wir bei Großprojekten wie dem Bau der neuen U5 mit 70 Prozent CO2-Einsparung zeigen, wie nachhaltige Wertschöpfung schon heute praktisch funktioniert. Wir warten nicht auf bessere Zeiten, sondern packen an. Umso wichtiger ist der Austausch im Norddeutschen Reallabor: Die Energiewende gelingt am besten, wenn wir länderübergreifend voneinander lernen und uns bei der Umsetzung gegenseitig über die Schulter schauen.“

Neben Unabhängigkeit gewinnen die Nordländer auch neue wirtschaftliche Stärke durch die Energiewende, wie Ines Jesse, Staatssekretärin im Ministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Tourismus und Arbeit Mecklenburg-Vorpommern, feststellte. In ihrem Impuls betonte sie, dass der Überschuss von grünem Strom im Land auch die Möglichkeit von neuer Wertschöpfung durch die Produktion von grünem Wasserstoff möglich macht: „Das Norddeutsche Reallabor hat gezeigt: Die Wasserstofftechnologien funktionieren. Entscheidend ist jetzt, den Schritt aus der Erprobung in den wirtschaftlichen Hochlauf zu schaffen. Dafür braucht es jetzt verlässliche Rahmenbedingungen, Nachfrageimpulse und den zügigen Ausbau der Infrastruktur. Nur so kann aus erfolgreichen Demonstrationsprojekten eine tragfähige Wasserstoffwirtschaft entstehen. Davon profitieren die Menschen und die Unternehmen in unserem Land nachhaltig – mit neuem Wachstum, regionaler Wertschöpfung und zukunftsfähigen Arbeitsplätzen. Jetzt muss die Wertschöpfung vor Ort stattfinden!“

Für das Bundesministerium für Wirtschaft und Energiewende vor Ort war Silke Stahl, Leiterin des Referats für den „Markthochlauf der Wasserstofferzeugung“. In ihrem Impuls sprach sie über den größeren Kontext der Energie-und Förderpolitik in Bezug auf den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft auch in Norddeutschland. In den vergangenen Jahren zeigte sich auch im NRL, wie bedeutsam diese Förderung für Vorhaben in Norddeutschland waren – und das sie einige Projekte überhaupt erst möglich gemacht haben.

Globale Herausforderungen für die Energiewende

Im Jahr 2019 fand das erste Konsortialtreffen des Norddeutschen Reallabors statt. In jenem Jahr wurde die Klimabewegung Fridays for Future zu einem Massenphänomen: Zehntausende Schüler:innen gingen regelmäßig auf die Straße und forderten mehr Klimaschutz und eine konsequentere Energiewende. Am Höhepunkt der Bewegung waren es 1,4 Millionen Menschen, die gemeinsam demonstrierten. Deutschland verpflichtete sich im selben Jahr, bis 2045 klimaneutral zu werden. Im Jahr 2020 traten die USA wieder dem Paris-Abkommen bei. China versprach die eigene Klimaneutralität bis zum Jahr 2060, Europa bis zum Jahr 2050. Im Jahr 2021 schließlich nahm die neugewählte Bundesregierung den Begriff „Nachhaltigkeit“ in den Titel ihres Koalitionsvertrags auf, stellte einen Klimaschutzminister und prognostizierte später ein „grünes Wirtschaftswunder“ für Deutschland.

In diesen Jahren war das Norddeutsche Reallabor von einer Welle der Euphorie für den Klimaschutz getragen. Vielversprechende Projekte wurden geplant und aus der Politik wehte ein Rückenwind für mutige und ambitionierte Vorhaben. Das Norddeutsche Reallabor wurde zum Treiber einer Energiewende, deren Zeit gekommen zu sein schien.

Nun sind wir im Jahr 2026. Auf dem inzwischen fünften Konsortialtreffen nimmt man die Konsequenzen einer sich veränderten Weltlage wahr. Während der Ukraine-Krieg die Notwendigkeit von energiepolitischer Versorgungssicherheit in Europa erneut auf die Tagesordnung brachte, macht der Irankrieg diese nun zu global zu einem Thema, das am Esstisch diskutiert wird. Die gestiegenen Kosten sind nicht nur an der Tankstelle ein Ärgernis, sondern belasten spürbar Volkswirtschaften und ihre Unternehmen. Es zeigt sich: An der Energiewende führt klimapolitisch, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch kein Weg vorbei. Dennoch wich der optimistische Blick auf die Chancen der Energiewende in der Breite einem realistischen Blick auf die Kosten und Herausforderungen, die eine solch historische Transformation bis hin zur Klimaneutralität mit sich bringt.

Doch die Analyse von Mike Blicker, NRL-Projektkoordinator, gibt Grund zur Hoffnung: Er verglich die Entwicklung rund um den Klimaschutz und die Energiewende mit dem Hype-Zyklus nach Gartner Inc.: Im Rückblick lassen sich die Jahre 2019 bis 2021 – stark vereinfacht gesagt –  als „Gipfel der überzogenen Erwartungen“ bezeichnen. In den Jahren danach ging es bergab in das „Tal der Enttäuschungen“: Politische Prioritäten verschoben sich, Klimaschutzmaßnahmen wurden teilweise zurückgenommen und Investitionsbedingungen verschlechterten sich.

Vortrag von Mike Blicker, NRL-Projektkoordinator, beim NRL-Konsortialtreffen 2026 in Kiel. Foto: Frank Molter
Auf dem Pfad der Erleuchtung

Doch dieses Tal der Enttäuschung ist kein Nullpunkt, kein zurück auf Los. Während es oberflächlich so schien, als sei die Energiewende ins Stocken geraten, arbeiteten viele Akteure mit Überzeugung weiter an der Transformation.

So wurden im Laufe der Jahre zwar nicht alle einst im Norddeutschen Reallabor geplanten Projekte realisiert. Einige mussten vorzeitig beendet werden. Doch dank der Anpassungsfähigkeit vieler Akteure konnten Projekte in veränderter Form fortbestehen – und letztlich realisiert werden. So sieht Mike Blicker die Energiewende in Deutschland aktuell auf dem Pfad der Erleuchtung: So schnell und einfach, wie viele gehofft hatten, konnten Energiewendeprojekte leider nicht realisiert werden. Doch anstatt sich den enttäuschten Erwartungen hinzugeben, konnten viele Akteure aus gemachten Fehlern lernen und nun die Energiewende mit neuer Energie vorantreiben. Dass das Norddeutsche Reallabor mit seinen über 50 Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik in all den Jahren nicht aufgegeben hat, macht sich nun immer mehr bezahlt.

Mike Blicker, NRL-Projektkoordinator: „Das NRL zeigt, dass es für die Transformation des Energiesystems notwendig und zielführend ist, wenn Akteure aus unterschiedlichen Bereichen konsequent zusammenarbeiten. Gleichzeitig sehen wir an den Erfahrungen des NRL deutlich, dass die Frühphase des Aufbaus einer Wasserstoffwirtschaft andere Rahmenbedingungen braucht als ein vollendeter Hochlauf. Die restriktiven Anforderungen an die Produktion von grünem Wasserstoff und der unausgereifte Rechtsrahmen führen zu einer Verteuerung, die die Investitionsbereitschaft von Unternehmen gefährdet.“

Vortrag von Robin Jaede, CC4E, beim NRL-Konsortialtreffen 2026 in Kiel. Foto: Frank Molter
Norddeutschland bleibt Antreiber in Sachen Energiewende

In einer energiepolitischen Podiumsdiskussion mit dem Titel „Globale Krisen, lokale Herausforderungen: Ist die Transformation des Energiesystems in Gefahr?“ wurde deutlich, wie herausfordernd internationale Krisen, volatile Energiemärkte, Investitionsunsicherheiten und regulatorische Hürden für den Hochlauf klimaneutraler Technologien sind. Aber auch, dass trotz widriger Umstände immer wieder Erfolge gefeiert werden können.

Wie diese Erfolge in der Praxis aussehen, verdeutlichten eine Reihe an Vorträgen. Robin Jaede vom CC4E präsentierte neue Erkenntnisse aus den „NRL Transformation Labs“ und zeigte, wie sich das vorhandene Wissen der Akteure im NRL bündeln lässt, um Szenarien zu entwickeln, in denen industrielle Abwärme in der Breite nutzbar wird und so der Ausbau der kommunalen Fernwärme weiter vorangetrieben werden kann.

Carsten Kindt von der Hochschule Flensburg präsentierte verschiedene Einflussfaktoren auf die Gestehungskosten von grünem Wasserstoff, die er im Rahmen seiner Forschungstätigkeiten identifizieren konnte. Jonas Bannert vom CC4E erläuterte, wie die THG-Quote als umweltökonomisches Instrument fungiert und so positive Anreize für Marktteilnehmer:innen setzt, klimafreundlich zu handeln. Johannes Stader von Green Planet Energy ermöglichte gemeinsam mit Marko Barstelsen von Energie des Nordens das Lernen aus konkreten Vorhaben. Sie sprachen über ihre Learnings aus dem Praxisbetrieb von dezentralen Elektrolyseure und leiteten aus den derzeitgen Hürden für den Wasersstoffhochlauf konkrete Apelle an Anlagenhersteller und Politik ab.

In einer abschließenden zweiten Podiumsdiskussion diskutierten Julia Dröge von den Hamburger Energiewerken aus dem NRL-Projekt „Integrierte Netzplanung“ (iNeP), Prof. Dr.-Ing. Hans Schäfers, Leiter des CC4E und Mitglied der NRL-Projektsteuerungsgruppe sowie die oben genannten Referent:innen Silke Stahl, Robin Jaede und Marko Barstelsen unter dem Titel „Mehr Tempo für die Energiewende: Geht es gemeinsam schneller?“ Sie waren sich einig, dass Kooperation nach wie vor ein wesentliches Fundament für die Transformation zur Klimaneutralität ist.

Mit „Moin Zero“ in die Zukunft

Den gewonnen Schwung für die Energiewende weitertragen und die Synergien in der norddeutschen Zusammenarbeit nutzen soll die neue Transformationsplattform „Moin Zero“. Ziel ist, wie der Name schon sagt, einen Beitrag zur Senkung der Treibhausgasemissionen zu leisten, indem Netto-Null-Technologien entwickelt und skaliert werden. Hierfür soll das im NRL gelebte Netzwerk mit Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik den Anstoß geben.

 „Das Norddeutsche Reallabor und sein Vorgängerprojekt NEW 4.0 haben in den vergangenen Jahren gezeigt, wie aus Kooperation konkrete Transformation entstehen kann. Mit Moin Zero wollen wir diesen Weg konsequent weitergehen und die nächsten Schritte für eine resilienten Energieversorgung gemeinsam konkretisieren“, resümmierte NRLProjektkoordinator Mike Blicker. „Denn die globale energiepolitische Krise erfordert ein klares Bekenntnis zur Transformation, um eine klimaneutrale Wirtschaft aufzubauen, die das Zieldreieck von Nachhaltigkeit, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit im Blick behält.“

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